Volkskunde in Schleswig-Holstein in den 1920ern und 1930ern

Das Kieler Teilprojekt untersuchte am Beispiel Schleswig-Holsteins, wie sich in den 1920er und 1930er Jahren Volkskunde als wissenschaftliche Heimatkunde herausbildet, deren Status zwischen Wissenschaft und Laienforschung sehr ambivalent ist und auch lange bleibt.

In erster Perspektive fragt das Projekt dabei am Beispiel ausgewählter Personen nach Schwerpunkten und Zugängen der Erforschung „volkskundlicher“ Inhalte, nach Praktiken und Strukturen der Netzwerkbildung der beteiligten Akteure, sowie nach der Bedeutung all dessen für das Aushandeln des Verständnisses einer Volkskunde als Wissenschaft und deren öffentlicher Wahrnehmung. Innerhalb dieses Aushandlungsprozesses ist der Begriff „Volkskunde“ dabei noch stets in Anführungszeichen zu verstehen, kennzeichnend für die Breite und Variabilität der ihm zugeschriebenen Inhalte und der sich daran knüpfenden Diskurse: als Konglomerat unterschiedlicher volks- und landeskundlicher Bestrebungen, also nicht nur jene im Spektrum der Germanistik vertretenen Interessen, sondern auch jene der Kunstgeschichte, der Ur- und Frühgeschichte, der Geographie etc.
Ein besonders komplexes Geflecht unterschiedlicher Interessen und Ansätze ergibt sich dabei zusätzlich aus der spezifischen politischen Problematik Schleswig-Holsteins dieser Zeit, namentlich besonders der sich nach dem ersten Weltkrieg zuspitzende deutsch-dänischen Grenzkonflikt und den sich daraus ergebenden Fragen der kulturellen Zugehörigkeiten ethnischer Minderheiten in den Grenzgebieten. Die aus diesen Umständen resultierende Situation trug insofern zur untersuchenden Entwicklung bei, als dass Volkskunde nicht zuletzt unter dem Aspekt der stets kulturpolitisch akzentuierten Volksbildung gefordert und gefördert wurde und sich dabei in einer großen Vielfalt von „Formaten“ (Heimschulen, Büchereien, niederdeutsche Bühnen, Radio, Heimatabende, Dorffeste, Vortragsreihen, Tageszeitungen, Vereinszeitschriften, Sammlungen von Erzählstoffen, niederdeutsche Literatur, Volks- und Landeskunden etc.)  volkskundlichen Wissens artikulierte. Die gezielte Förderung dieser Wissensformate war dabei ebenso wesentlicher Teil heimatkundlicher und kulturpolitischer Praxis, wobei besonders die Kriterien breiter Tauglichkeit, Zugänglichkeit und Wirkung der verwandten Formate berücksichtigt wurden. Besonders mediale Innovationen (z.B. das Radio) wurden bereits unter solchen konzeptionell und inhaltlich konkreten Zielvorstellungen geplant und verbreitet.

In diesem Sinne richtet das Projekt in seiner zweiten Perspektive Fragen an die kulturpolitische Bedeutung der Erforschung und Vermittlung volkskundlicher Inhalte bzw. die Bedeutung angewandter Volkskunde als kulturpolitische Praxis.

Projektmitarbeiter: Nina Jebsen, Jenny Boie, Carsten Drieschner.

 

Publikationen

Boie, Jenni: Volkstumsarbeit und Grenzregion. Volkskundliches Wissen als Ressource ethnischer Identitäspolitik in Schleswig-Holstein 1920-1930 (= Kieler Studien zur Volkskunde und Kulturgeschichte, Bd. 9). Kiel 2013.

Drieschner, Carsten: Der „plattdeutsche Professor" oder: Was ist ein Experte? Das Beispiel Otto Mensing und das „Schleswig-Holsteinische Wörterbuch“. In: Davidovic-Walther, Antonia/Fenske, Michaela Fenske/Keller-Drescher, Lioba (Hg.): Akteure und Praktiken. Explorationen volkskundlicher Wissensproduktion. In: Berliner Blätter. 50/2009, S. 68-86.

Jebsen, Nina: Leben in der Minderheit. Eine empirische Untersuchung zur Identitätskonstruktion der deutschen Minderheit in Dänemark. In: Kieler Blätter zur Volkskunde 40 (2008), S. 119-153.

Jebsen, Nina: Deutsch vs. Dänsich – Zur Aushandlung einer Grenzraumidentität 1900-1930. In: Welz, Gisela/Davidovic-Walther, Antonia/Anke S. Weber (Hg.): Epistemische Orte. Gemeinde und Region als Forschungsformate (Kulturanthropologie Notizen, Bd. 80). Frankfurt a. M. 2011, S. 101-124.